Wenn wir trotzdem krank werden – Zugvögel im Herbst

Wenn wir trotzdem krank werden

Oder: Was uns die Natur über Gesundheit lehrt, das kein Supplement ersetzen kann

Ein Blogartikel von Dr. Andreas Pullig

Letzte Woche habe ich Dir gesagt: Supplementiere Vitamin D. Messe deinen Status. Optimiere deine Werte. Über 130.000 Menschen haben es gesehen. Viele haben sich die Dosierungen gespeichert.

Und ich stehe dazu. Über Vitamin D aufgeklärt zu sein finde ich wichtig und richtig.

Aber was ist, wenn du trotzdem krank wirst?

Die volle Speicher-Problematik

Vor ein paar Tagen: Ein Reel auf Instagram. Eine Frau listet ihre tägliche Supplement-Routine auf.

Morgens: NMN, Resveratrol, Kollagen. Zum Frühstück: Vitamin D+K2, Omega-3. Vorm Workout: Kreatin, Protein. 30 Minuten vor dem Essen: Berberin. Zum Abendessen: Astaxanthin, Quercetin, Zink. Vor dem Schlafengehen: Magnesiumglycinat.

Tausende haben es sich gespeichert.

Und weißt du was? Es macht Sinn. Jedes einzelne Supplement hat seine Berechtigung. Die Wissenschaft dahinter ist solide. Es ist clever, durchdacht, optimiert.

Aber dann frage ich mich: Was füllen wir da eigentlich auf?

Wir füllen unsere Instagram-Speicher mit Routinen, die wir "irgendwann mal" umsetzen wollen. Wir füllen unsere Bestell-Listen mit Produkten, die wir uns "bald mal" kaufen. Wir füllen unsere To-Do-Listen mit Dingen, die wir "für uns" tun wollen.

Aber tun wir es wirklich für uns?

Oder tun wir es, weil jemand gesagt hat, dass man es tun sollte? Weil es alle machen? Weil wir Angst haben, etwas zu verpassen, wenn wir es nicht tun?

Und was passiert, wenn die Speicher voll sind – aber mit dem Falschen?

Was, wenn unsere biochemischen Speicher optimal gefüllt sind, aber unsere emotionalen Speicher leer bleiben? Was, wenn wir wissen, wann wir welches Supplement nehmen müssen, aber nicht mehr spüren, was wir gerade wirklich brauchen?

Der Herbst als Lehrer

Die Natur macht es uns gerade vor.

Die Bäume werfen ihre Blätter ab, weil es an der Zeit ist. Tiere ziehen sich zurück. Bereiten sich auf den Winter vor. Sparen Energie.

Rückzug ist kein Versagen.

Rückzug ist Teil des Zyklus.

Und wir?

Wir supplementieren gegen die Müdigkeit. Wir optimieren gegen die Erkältung. Wir biohacken gegen das, was die Natur uns eigentlich sagen will: Manchmal ist Pause wichtig.

Ich sage nicht, dass Vitamin D falsch ist, ganz im Gegenteil. Ich sage auch nicht, dass Omega-3 unwichtig ist – sie sind essenziell!! Und wir werden bald auch einen ausführlichen Blog darüber schreiben, warum eine Supplementierung wichtig sein kann.

Aber es gibt so viel mehr als Biochemie.

Die neue Optimierungsfalle

Die sozialen Medien sind voll davon. Longevity-Hacks. Supplement-Listen. Biohacking-Protokolle. Morgenroutinen. Abendroutinen. Schlafoptimierung. Mitochondrien-Booster.

Alles wissenschaftlich fundiert. Alles durchdacht. Alles richtig.

Aber wann ist genug?

Wann hören wir auf zu optimieren? Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr für uns selbst supplementieren? Wo wir nur noch einem Idealbild hinterherrennen? Für eine Vorstellung von Perfektion, die uns jemand anderer verkauft hat?

Für wen performen wir eigentlich?

Wer ist der, vor dem wir uns rechtfertigen müssen, wenn wir eine Erkältung bekommen? Wer verurteilt uns, wenn wir nicht jeden Tag unsere 15 Supplemente eingenommen haben?

Die Antwort: Meistens wir selbst.

Wenn das System in uns sitzt

Im letzten Blog haben wir über das versagende Gesundheitssystem gesprochen. Über die Tatsache, dass Vitamin D in der Kassenmedizin kaum eine Rolle spielt, obwohl die Datenlage so eindeutig ist. Über ein System, das Krankheit behandelt statt Gesundheit zu erhalten.

Aber was ist mit dem System, das wir in uns selbst erschaffen?

Der Zwang, perfekt supplementiert zu sein. Nie krank zu werden. Immer zu funktionieren. Immer zu wissen, was zu tun ist. Immer die Kontrolle zu haben.

Ist das nicht auch ein System? Ein System, das uns unter Druck setzt? Ein System, gegen das wir irgendwann kämpfen werden – genau wie gegen das alte?

Der Widerstand gegen unser Gesundheitssystem ist absolut verständlich. Aber wenn wir in diesem Kampf unsere Intuition verlieren, haben wir nur ein System gegen ein anderes getauscht.

Die Krankheit als Korrektiv

Was ist, wenn eine Erkältung nur eine Einladung ist? Eine Pause. Ein "Stopp, schau mal hin." Ein Moment, in dem der Körper sagt: "Ich brauche jetzt Ruhe".

Vielleicht ist Krankheit manchmal ein Korrektiv. Eine Erinnerung. Ein Weg zurück zu dem, was wir im ganzen Optimierungswahn vergessen haben: Uns selbst.

Was fühle ich gerade wirklich? Was brauche ich? Nicht: Was sagt der neueste Influencer? Nicht: Was steht in der neuesten Studie? Die einzig wichtige Frage: Was sagt mein Körper?

Das ist nicht esoterisch. Das ist nicht Anti-Wissenschaft. Das ist die andere Hälfte der Medizin, die wir vergessen haben, als wir anfingen, nur noch in Biomarkern zu denken.

Loslassen, um Raum zu schaffen

Diese Woche habe ich meine Kassenpraxis verlassen. Eine große, wunderschöne Praxis, die ich gemeinsam mit meiner Frau gestaltet und ausgestattet habe. Sie war optisch ein sehr authentischer Ausdruck von uns. Und sie bedeutete kontrollierte Sicherheit. Ein funktionierendes System.

Es hat mich sehr traurig gemacht, meine Patienten, mein Team und diese schöne Praxis loszulassen.

Aber ich musste. Weil das alte System keinen Raum mehr ließ für das, was ich eigentlich tun will: Menschen als Menschen behandeln. Nicht als „Fall". Nicht als 7-Minuten-Termine. Als komplexe, fühlende Wesen, die ihr gesamtes Leben mit in mein Sprechzimmer nehmen.

Und vielleicht ist das die Parallele: Manchmal muss man Altes loslassen, um Neuem Raum zu geben.

Der Körper macht das auch. Eine Erkältung ist manchmal ein Loslassen. Ein Reinigen. Ein Neustart.

Nicht schön. Nicht angenehm. Aber notwendig.

Die Frage ist nicht: "Wie vermeide ich das um jeden Preis?"

Die Frage ist: "Was will mir mein Körper damit sagen?"

Die radikalste Form von Gesundheit

Vielleicht ist die radikalste Form von Gesundheit nicht, nie krank zu werden.

Vielleicht ist sie auch nicht, perfekt supplementiert zu sein.

Vielleicht ist die radikalste Form von Gesundheit, wieder zu spüren, was du gerade brauchst. Deiner Freude wieder die Führung übergeben.

Nicht, was du brauchst, um zu funktionieren. Nicht, was du brauchst, um zu performen. Nicht, was du brauchst, um niemanden zu enttäuschen.

Sondern: Was du brauchst, um bei DIR anzukommen.

Das kann Vitamin D sein.

Das kann Ruhe sein.

Das kann ein Gespräch sein.

Das kann auch eine Erkältung sein, die dich zwingt, endlich mal langsamer zu machen.

Der beste Biomarker bist du selbst, unser Körper kann nicht lügen!

Was das für uns bedeutet

Ich werde weiter über Omega-3 schreiben. Über Magnesium. Über Mitochondrien-Funktion und oxidativen Stress und all die biochemischen Hebel, die wir kennen sollten.

Aber ich will nicht vergessen: Das ist nur die eine Hälfte.

Die andere Hälfte ist die Frage: Wie geht es dir wirklich?

Nicht: Wie sind deine Werte? Die Frage ist: Wie fühlst du dich?

Nicht: Was solltest du supplementieren? Die Frage ist: Was brauchst du gerade?

Nicht: Wie vermeidest du Krankheit? Die Frage ist: Was will dir dein Körper sagen?

Das ist keine Aufforderung, alle Supplemente wegzuwerfen. Das ist auch kein "Hör einfach auf deinen Körper und alles wird gut."

Das ist eine Einladung, wieder beide Teile mitzunehmen:

Die Biochemie und die Intuition.

Die Wissenschaft und das Gefühl.

Die Optimierung und das Sein.

Das Außen und das Innen.

Der Herbst lädt uns ein

Es wird kühler. Dunkler. Die Tage werden kürzer.

Die Natur zieht sich zurück – und lädt uns ein, es ihr gleichzutun.

Es ist der natürliche Zyklus.

Vielleicht ist das die Gesundheit, die wir brauchen: Nicht die, die uns perfekt macht. Die Gesundheit, die uns wieder zu uns selbst bringt.

Supplementiere dein Vitamin D! Miss deine Omega-3-Werte! Optimiere deine Mitochondrien!

Aber vergiss nicht zu fragen: Für wen? Und wozu?

Und wenn du trotzdem krank wirst: das kein Versagen.

Das ist eine Erinnerung: Du bist mehr als deine Biomarker.

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und Wissensvermittlung. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch ein individuelles Arzt-Patienten-Gespräch. Individuelle gesundheitliche Entscheidungen sollten stets in Absprache mit einem qualifizierten Arzt getroffen werden.
Wir erheben keinen Anspruch darauf, alles zu wissen oder die einzige richtige Perspektive zu vertreten. Wir haben zusammengetragen, was uns möglich war — mit dem Ziel, eine informierte eigene Entscheidung so gut wie möglich zu erleichtern. Die Forschung entwickelt sich weiter. Wer neuere Studien kennt oder andere gut begründete Informationen hat, ist herzlich eingeladen, diese einzubringen — wir freuen uns über den Austausch und danken Ihnen, wenn er respektvoll bleibt.

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