Reflexionsfragen, die 13-Wünsche-Übung und andere Ideen, um das alte Jahr bewusst abzuschließen
Es ist still geworden draußen. Die Tage sind kurz, die Nächte lang, und irgendwo zwischen Weihnachten und Neujahr scheint die Welt für einen Moment den Atem anzuhalten. Vielleicht geht es Ihnen gerade ähnlich – Sie sitzen vielleicht mit einer Tasse Tee da, das Jahr zieht an Ihnen vorbei, und Sie fragen sich: Was war das eigentlich alles?
Ich sitze hier und stelle mir dieselbe Frage. Und ich möchte sie heute mit Ihnen teilen – – nicht als Arzt, der Ihnen etwas erklärt. Als Mensch, der selbst gerade reflektiert.
Dieses Jahr war für mich persönlich ein Jahr des Mutes. Ich habe meine Kassenzulassung abgegeben. Nach vielen Jahren im System habe ich eine Sicherheit losgelassen, um endlich so arbeiten zu können, wie ich es für richtig halte – ganzheitlich, mit Zeit, mit echtem Zuhören. Ich habe angefangen, Texte zu schreiben und mich auf Instagram zu zeigen. Das klingt vielleicht klein, aber für einen Arzt, der jahrelang nur im Behandlungszimmer stand, war das ein großer Schritt.
Und dann sind da Sie. Sie lesen diese Zeilen. Vielleicht schon länger, vielleicht zum ersten Mal. Das ist nicht selbstverständlich. Und es zeigt mir, dass dieser neue Weg richtig ist.
Warum das Innehalten so wichtig ist
In meiner Praxis sehe ich täglich Menschen, die funktionieren. Die ihren Alltag bewältigen, ihre Termine einhalten, ihre To-do-Listen abarbeiten. Aber wenn ich frage: Wie geht es Ihnen wirklich? – dann wird es oft still.
Wir haben verlernt, innezuhalten. Uns zu fragen, was dieses Jahr eigentlich mit uns gemacht hat. Was wir gelernt haben. Wofür wir dankbar sind.
Dabei ist genau dieses Innehalten entscheidend für unser Wohlbefinden. Menschen, die regelmäßig reflektieren und Dankbarkeit praktizieren, erleben weniger Angst und Depression und fühlen sich insgesamt psychisch gesünder. Eine große Studie aus dem Jahr 2024 fand sogar heraus: Menschen mit hoher Dankbarkeit hatten ein um 9% niedrigeres Sterberisiko – unabhängig von anderen Faktoren wie Einkommen, sozialen Kontakten oder körperlicher Gesundheit.
Neun Prozent. Das klingt vielleicht nicht nach viel. Aber bedenken Sie: Das ist allein durch eine innere Haltung. Durch die Art, wie wir auf unser Leben schauen.
Was uns auch schwere Zeiten lehren können
Vielleicht war dieses Jahr nicht leicht für Sie. Vielleicht gab es eine Diagnose, einen Verlust, eine Trennung, einen Schicksalsschlag. Vielleicht fragen Sie sich, wozu das alles gut sein soll.
Ich möchte Ihnen hier keine billige Antwort geben. Kein "Alles hat seinen Sinn" – denn manchmal hat Leid keinen offensichtlichen Sinn, und das anzuerkennen ist wichtig.
Aber etwas Bemerkenswertes zeigt die Forschung zum sogenannten "posttraumatischen Wachstum": Bis zu 89% der Menschen, die schwere Zeiten durchlebt haben, berichten im Nachhinein von mindestens einem Bereich persönlichen Wachstums. Das bedeutet nicht, dass das Leid gut war. Aber es bedeutet, dass wir als Menschen die erstaunliche Fähigkeit haben, aus Krisen gewandelt hervorzugehen.
Die fünf Bereiche, in denen Menschen häufig Wachstum berichten, sind: tiefere Beziehungen, neue Möglichkeiten im Leben, größere persönliche Stärke, eine veränderte Spiritualität und eine neue Wertschätzung für das Leben.
Vielleicht eine Einladung, auf dieses Jahr zurückzuschauen und sich zu fragen: Was habe ich trotz allem – oder gerade wegen allem – gelernt?
Fragen für Ihre persönliche Reflexion
Ich lade Sie ein, sich in den kommenden Tagen Zeit zu nehmen. Vielleicht mit einem Notizbuch, vielleicht nur in Gedanken. Lassen Sie diese Fragen wirken:
Zum vergangenen Jahr:
- Was waren die Momente, die mich dieses Jahr wirklich berührt haben?
- Welche Herausforderung hat mich am meisten gefordert – und was habe ich dadurch über mich gelernt?
- Wem bin ich dankbar? Habe ich es dieser Person gesagt?
- Was habe ich losgelassen – freiwillig oder unfreiwillig? Was hat mir das ermöglicht?
- Wenn ich eine Sache aus diesem Jahr mitnehmen dürfte – welche Erkenntnis wäre das?
Zu Krankheit oder schweren Zeiten:
- Hat mich eine Krankheit oder Krise dazu gebracht, etwas an meinem Leben zu verändern?
- Welche Beziehungen haben sich in schweren Zeiten als tragfähig erwiesen?
- Was weiß ich heute über meine eigene Stärke, das ich vor einem Jahr noch nicht wusste?
Zum kommenden Jahr:
- Wie möchte ich mich am Ende des nächsten Jahres fühlen?
- Was möchte ich bewusst im alten Jahr zurücklassen?
- Welche eine Sache würde mein Leben wirklich bereichern – wenn ich den Mut hätte, sie zu tun?
- Was braucht mein Körper? Was braucht meine Seele?
Die Zeit zwischen den Jahren bewusst nutzen
In vielen Kulturen gilt die Zeit zwischen Weihnachten und dem 6. Januar als besondere Zeit des Übergangs. Im deutschsprachigen Raum kennen wir sie als die Raunächte – zwölf Nächte, die bereits in vorchristlicher Zeit als bedeutsam galten.
Die Herkunft ist pragmatisch: Unser Mondjahr hat 354 Tage, das Sonnenjahr 365. Die Differenz von elf Tagen und zwölf Nächten galt unseren Vorfahren als Zeit außerhalb der Zeit – ein Schwellenraum zwischen dem Alten und dem Neuen. Die Arbeit ruhte, man kam zusammen, räucherte die Häuser aus und nahm sich Zeit für Reflexion und Neuausrichtung.
Sie müssen nicht an magische Kräfte glauben, um diesen Brauch für sich zu nutzen. Es geht um etwas sehr Reales: sich bewusst Zeit zu nehmen. Den Alltag zu unterbrechen. Inne zu halten.
Die 13-Wünsche-Übung
Eine Tradition, die ich besonders schätze, ist die Übung der 13 Wünsche. So funktioniert sie:
- Nehmen Sie sich am Beginn der Raunächte (ab dem 25. Dezember) Zeit und schreiben Sie 13 Wünsche auf – jeden auf einen separaten Zettel.
- Formulieren Sie Ihre Wünsche so, als wären sie bereits Realität: "Ich bin..." statt "Ich möchte..." – "Ich habe..." statt "Ich wünsche mir..." Und hier liegt der entscheidende Punkt: Nehmen Sie sich wirklich Zeit dafür. Spüren Sie beim Schreiben hinein, wie es sich anfühlen würde, wenn dieser Wunsch bereits Realität wäre. Es macht einen großen Unterschied, ob wir etwas nur schnell hinkritzeln oder ob wir es tief fühlen, während wir es aufschreiben.
- Falten Sie die Zettel und legen Sie sie in eine Schale oder ein Glas.
- Jeden Tag ziehen Sie einen Zettel – ohne ihn zu lesen – und verbrennen ihn. Die Idee: Diesen Wunsch übergeben Sie dem Leben, einer höheren Kraft – wie auch immer Sie es nennen möchten.
- Am Ende bleibt ein Zettel übrig. Diesen lesen Sie – und dieser Wunsch, so die Tradition, ist der, den Sie selbst in die Hand nehmen dürfen.
Warum funktioniert das psychologisch? Weil das Aufschreiben von Zielen in der Gegenwartsform etwas mit unserem Gehirn macht. Wenn wir uns etwas bildlich vorstellen, kann unser Gehirn nicht klar unterscheiden, ob es Realität oder Vorstellung ist. Die gleichen neuronalen Pfade werden aktiviert. Das Aufschreiben und regelmäßige Betrachten unserer Ziele schärft unsere Aufmerksamkeit für Gelegenheiten, die zu diesen Zielen passen.
Ein Vision Board erstellen
Eine weitere kraftvolle Methode ist das Erstellen eines Vision Boards – einer Collage aus Bildern, Worten und Symbolen, die Ihre Ziele und Wünsche für das kommende Jahr darstellen.
Klingt nach Bastelstunde? Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir uns ein gewünschtes Ergebnis bildlich vorstellen, aktivieren wir dieselben neuronalen Netzwerke, die auch bei der tatsächlichen Erfahrung aktiv wären. Aber der eigentliche Clou liegt im wiederholten Betrachten.
Unser Gehirn ist ständig damit beschäftigt, aus der Flut an Informationen, die auf uns einprasseln, das Relevante herauszufiltern. Das tut es über das sogenannte Retikuläre Aktivierungssystem – eine Art Aufmerksamkeitsfilter. Wenn Sie täglich auf Ihr Vision Board schauen, sagen Sie Ihrem Gehirn im Grunde: Das hier ist wichtig. Achte darauf. Und plötzlich fallen Ihnen Dinge auf, die Sie sonst übersehen hätten – eine Gelegenheit, ein Gespräch, eine Idee. Das hat nichts damit zu tun, dass das Universum sie Ihnen schickt – Ihr Gehirn ist jetzt darauf programmiert, sie wahrzunehmen.
Hinzu kommt: Je öfter wir etwas sehen, desto vertrauter wird es. Das Neue, das uns normalerweise Angst macht, verliert seinen Schrecken. Unser Nervensystem reagiert weniger mit Stress auf diese Ziele, und wir werden mutiger, die ersten Schritte zu gehen. Das Vision Board macht das Unbekannte zum Bekannten – lange bevor es Realität wird.
Wichtig dabei: Visualisieren Sie das Ergebnis – und genauso den Weg dorthin. Spitzensportler stellen sich nicht nur vor, wie sie auf dem Podium stehen – sie visualisieren jeden einzelnen Bewegungsablauf. Ein Vision Board ist am wirksamsten, wenn es Sie an Ihre Träume erinnert – und genauso an die Handlungen, die Sie dorthin bringen.
So erstellen Sie Ihr Vision Board:
- Sammeln Sie Bilder, die Sie ansprechen – aus Zeitschriften, ausgedruckt, selbst gezeichnet
- Fügen Sie Worte oder Sätze hinzu, die Ihre Werte und Ziele ausdrücken
- Platzieren Sie Ihr Board dort, wo Sie es täglich sehen – am Kleiderschrank, neben dem Bett, am Schreibtisch
- Nehmen Sie sich regelmäßig einen Moment, es bewusst anzuschauen – nicht nur im Vorbeigehen
Dankbarkeit als tägliche Praxis
Abschließend möchte ich noch einmal auf die Dankbarkeit zurückkommen. Nicht als abstraktes Konzept – als konkrete Praxis.
Der größte und nachhaltigste Effekt auf unser Wohlbefinden kommt interessanterweise von einer ganz einfachen Übung: dem Schreiben eines Dankbarkeitsbriefes an jemanden, dem man nie richtig gedankt hat. Die Wirkung hält nachweislich über Wochen an. Ein Brief. Eine echte Geste der Wertschätzung.
Vielleicht ist das Ihre Übung für diese Zeit zwischen den Jahren. Oder führen Sie ein kleines Dankbarkeitstagebuch – jeden Abend drei Dinge, für die Sie dankbar sind. Nicht die großen Dinge. Die kleinen: Das Licht am Morgen. Eine warme Mahlzeit. Ein Gespräch, das Sie berührt hat.
Wenn wir das regelmäßig tun, verändert sich unser Gehirn. Wir werden empfänglicher für das Gute. Wir trainieren uns, es zu sehen.
Zum Jahresende
Ich begann diesen Text mit Dankbarkeit, und ich möchte auch so enden.
Dieses Jahr war ein Jahr des Wandels für mich. Ich habe Sicherheiten losgelassen und neue Wege beschritten. Ich habe angefangen zu schreiben, mich zu zeigen, meine Gedanken zu teilen. Und Sie waren dabei. Sie haben gelesen, kommentiert, mir Nachrichten geschrieben. Das hat mich getragen.
Danke, dass Sie mit mir wachsen.
Ich wünsche Ihnen eine stille, reflektierte Zeit zwischen den Jahren. Mögen Sie zur Ruhe kommen. Mögen Sie das Gute sehen, das war – trotz allem. Und mögen Sie mit Zuversicht ins neue Jahr gehen.
Wir sehen uns im neuen Jahr.
Herzlich,
Ihr Dr. Andreas Pullig