Gehen müssen Sie selbst – Eigenverantwortung in der Medizin

Gehen müssen Sie selbst

Warum kein Arzt Sie heilen kann – und was das für Ihre Gesundheit bedeutet

Ich muss Ihnen etwas sagen, das Sie vielleicht nicht hören wollen: Ich kann Sie nicht heilen.

Kein Arzt kann das.

Wir können Symptome lindern. Wir können Medikamente verschreiben, irgendwelche Werte senken, Schmerzen dämpfen, Prozesse verlangsamen oder beschleunigen. Wir können operieren, bestrahlen, therapieren. Wir können begleiten, erklären, unterstützen.

Aber heilen? Das kann nur Ihr Körper. Und damit er das kann, braucht er etwas von Ihnen. Etwas, das kein Arzt der Welt Ihnen abnehmen kann.

Das Bild vom Fluss

Es gibt eine alte Metapher, die auf den Soziologen Irving Zola zurückgeht.1 Sie beschreibt einen Arzt, der am Ufer eines Flusses steht. Im Wasser treiben Menschen, die zu ertrinken drohen. Der Arzt springt hinein, zieht einen nach dem anderen ans Ufer, beatmet, stabilisiert – und springt sofort zurück, weil schon der nächste kommt.

Irgendwann sagt er erschöpft: „Ich bin so beschäftigt damit, die Menschen zu retten, dass ich keine Zeit habe herauszufinden, wer sie alle ins Wasser wirft."

Als mir dieses Bild zum ersten Mal begegnete, dachte ich: Genau so fühlt sich mein Beruf an. Genau darauf ist unser Gesundheitssystem ausgelegt. Chronische Krankheiten verwalten, ohne wirklich zu suchen, wo die wahren Ursachen liegen.

Die Erwartung

Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, Gesundheit zu delegieren.

Sie gehen zum Arzt und erwarten, dass er sie gesund macht. Sie nehmen Tabletten und erwarten, dass das Problem dadurch gelöst wird. Sie lassen sich untersuchen und erwarten, dass jemand anderes herausfindet, was mit ihnen nicht stimmt.

Das funktioniert – bei akuten Problemen. Wenn Sie sich den Arm brechen, brauchen Sie einen Chirurgen. Wenn Sie eine bakterielle Infektion haben, brauchen Sie manchmal Antibiotika. Wenn Ihr Blinddarm platzt, brauchen Sie eine OP. Sofort.

Und hier ist unser System wirklich gut. Die Notfall- und Akutmedizin in Deutschland gehört zu den besten der Welt. Schnelle Rettungsdienste, hervorragend ausgestattete Notaufnahmen, kompetente Teams, die unter Druck Höchstleistungen bringen. Bei einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall, einem schweren Unfall – da funktioniert unser Gesundheitssystem exzellent. Dafür können wir dankbar sein.

Aber bei chronischen Erkrankungen – und die machen 90 Prozent aller Gesundheitsausgaben aus2 – funktioniert dieses Modell nicht.

Warum? Weil chronische Erkrankungen nicht von außen kommen, plötzlich und unerwartet. Sie entstehen über Jahre. Durch die Art, wie wir leben, essen, schlafen, arbeiten, denken, fühlen. Durch das, was wir tun – und das, was wir nicht tun.

Und das kann kein Arzt für Sie ändern.

Was ich als Arzt kann – und was nicht

Ich kann Ihren Blutdruck messen. Ich kann Ihnen ein Medikament verschreiben, das ihn senkt. Aber ich kann nicht für Sie aufhören, jeden Abend eine Flasche Wein zu trinken. Ich kann nicht für Sie den Job kündigen, der Sie krank macht. Ich kann nicht für Sie die Beziehung klären, die Sie seit Jahren belastet.

Ich kann Ihren Blutzucker messen. Ich kann Ihnen Metformin verschreiben. Aber ich kann nicht für Sie einkaufen und kochen. Ich kann nicht für Sie spazieren gehen. Ich kann nicht für Sie um 22 Uhr das Handy weglegen.

Ich kann Ihre Erschöpfung dokumentieren. Ich kann Blutwerte checken, Schilddrüse, Eisen, Vitamine. Aber ich kann nicht für Sie Nein sagen. Ich kann nicht für Sie Grenzen setzen. Ich kann nicht für Sie herausfinden, warum Sie sich selbst so wenig wert sind, dass Sie sich permanent überfordern.

Das können nur Sie. Aber darin liegt auch das Beste: Das Können Sie!

Was uns nicht gelehrt wurde

Es gibt noch etwas, das ich Ihnen sagen muss – und das betrifft meine eigene Zunft:

Im Medizinstudium lernen wir fast nichts über Ernährung.7 Wir lernen kaum etwas über Schlaf, über Stressregulation, über die Bedeutung von Bewegung für chronische Erkrankungen. Die wichtigsten Hebel für Ihre Gesundheit kommen im Lehrplan praktisch nicht vor.

Stattdessen lernen wir, Krankheiten zu diagnostizieren und Medikamente zuzuordnen. Wir lernen, welches Symptom zu welchem Wirkstoff passt. Wir werden zu Experten für Pathologie – aber nicht für Gesundheit.

Das bedeutet: Viele Ärzte, die diesen Weg gehen wollen – den Weg der Ursachenmedizin –, müssen sich regelrecht „entbilden". Sie müssen das, was sie gelernt haben, hinterfragen. Sie müssen sich Wissen aneignen, das im Studium nie vorkam. Sie müssen verstehen, dass die beste Medizin oft keine Medizin ist.

Das ist kein Vorwurf an meine Kollegen. Es ist eine Feststellung über ein System, das auf akute Interventionen ausgerichtet ist – nicht auf langfristige Gesundheit. Und es erklärt, warum so wenige Ärzte mit Ihnen über Ernährung, Schlaf oder Stress sprechen: Sie haben es schlicht nie gelernt.

Die Pille als Hoffnung

Ich verstehe die Sehnsucht nach der Pille, die alles löst. Wirklich. Es wäre so viel einfacher.

Aber diese Pille gibt es nicht. Und wenn jemand Ihnen sagt, er hätte diese Zauberpille – ob Arzt, Heilpraktiker oder Influencer – dann lügt er. Oder er versteht nicht, wie Gesundheit funktioniert.

Die Forschung ist eindeutig: Bei den großen chronischen Erkrankungen – Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, viele Formen von Erschöpfung und Depression – sind Lebensstilfaktoren entscheidend. Eine Studie aus 2024 zeigt, dass Typ-2-Diabetes in vielen Fällen durch Lebensstiländerungen in Remission gebracht werden kann – also normale Blutzuckerwerte ohne Medikamente.3 Und bis zu 85 Prozent aller Typ-2-Diabetes-Diagnosen wären vermeidbar gewesen.4

Fünfundachtzig Prozent.

Nicht durch bessere Medikamente. Durch andere Entscheidungen. Jeden Tag. Über Jahre.

Das ist keine gute Nachricht, wenn Sie auf die Pille gehofft haben. Aber es ist eine sehr gute Nachricht, wenn Sie verstehen, was sie bedeutet: Sie sind nicht machtlos. Sie sind nicht Opfer Ihrer Gene oder Ihres Schicksals. Sie haben Einfluss. Enormen Einfluss.

Die Frage ist nur: Nutzen Sie ihn?

Die Rolle des Arztes

Was ist dann meine Rolle? Wozu brauchen Sie mich als Arzt überhaupt?

Ich sehe mich als Begleiter. Als jemand, der Ihnen hilft zu verstehen, was in Ihrem Körper passiert. Der Zusammenhänge erklärt. Der Werte misst und einordnet. Der Sie darauf hinweist, wo Sie hinschauen sollten. Manchmal bezeichne ich mich als „Anwalt Ihres Körpers", der versucht die Bedürfnisse Ihres Körpers zu verteidigen.

Ich bin wie ein Bergführer. Ich kenne das Terrain. Ich kann Ihnen den Weg zeigen, vor Gefahren warnen, Sie ermutigen, wenn es steil wird. Aber gehen müssen Sie selbst. Jeden Schritt.

Und wenn Sie sich hinsetzen und sagen: „Trag mich" – dann kann ich das nicht. Niemand kann das.

Die Fragen, die zählen

Was ich tun kann: Ihnen die richtigen Fragen stellen. Fragen, die Sie vielleicht nicht hören wollen. Fragen, die auch wehtun können.

Nicht: „Welche Symptome haben Sie?" Die Frage lautet: „Was glauben Sie, woher das kommt?"

Nicht: „Wie viel Alkohol trinken Sie?" Die Frage lautet: „Warum trinken Sie?"

Nicht: „Schlafen Sie schlecht?" Die Frage lautet: „Was hält Sie nachts wach – und ich meine nicht den Kaffee?"

Diese Fragen führen flussaufwärts. Dahin, wo die Ursachen liegen. Aber die Antworten kann ich nicht für Sie finden. Die kennen nur Sie. Ich kann Ihnen als Arzt höchstens helfen Ihre Antwort zu finden.

Die Kaskade

Wissen Sie, was passiert, wenn wir nur Symptome behandeln? Und das ist das Ziel des Gesundheitssystems und zwar „ausreichend und wirtschaftlich".

Es beginnt harmlos: Bluthochdruck – ein Medikament. Das verursacht Wassereinlagerungen – ein weiteres. Das belastet die Nieren – ein drittes. Das verursacht Müdigkeit – ein viertes. Und so weiter.

Das nennt sich Polypharmazie. Fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig. Bei fünf bis neun Medikamenten haben Sie eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit für unerwünschte Wechselwirkungen. Bei zwanzig oder mehr liegt sie bei fast 100 Prozent.5 Ab 5 Medikamenten gleichzeitig kann kein Mensch die Wechselwirkungen überblicken.

Polypharmazie ist eine der häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisungen.6 Nicht die ursprüngliche Erkrankung. Die Medikamente dagegen. Dabei ist Polypharmazie ab 60 Jahren fast „normal": Medikamente für Blutdruck, Zucker, Bewegungsapparat plus der fast obligatorisch wirkende „Magenschutz" sind für die meisten Senioren in unseren Breiten normal.

Das ist das Ergebnis, wenn jeder Arzt sein Symptom behandelt – aber niemand fragt: Was hat das alles ausgelöst? Und niemand sagt: Das müssen Sie selbst ändern.

Was es braucht

Der Weg, den ich beschreibe, ist natürlich viel anstrengender als eine Pille zu schlucken.

Er verlangt, dass Sie hinschauen. Auf Ihre Ernährung, Ihren Schlaf, Ihren Stress, Ihre Beziehungen. Auf das, was Sie antreibt – und das, was Sie erschöpft. Auf die Muster, die sich wiederholen. Auf die Wahrheiten, die Sie lieber nicht sehen wollen.

Er verlangt Veränderung. Jetzt. Wirklich. Dauerhaft. Nicht irgendwann, nicht ein bisschen, nicht für drei Wochen.

Er verlangt Geduld. Weil echte Heilung Zeit braucht. Weil der Körper nicht in drei Tagen repariert, was über Jahre entstanden ist.

Und er verlangt Ehrlichkeit. Sich selbst gegenüber. Das ist vielleicht das Schwierigste.

Aber das ist aus meiner Sicht die einzige Möglichkeit, wie Heilung funktionieren kann. Und deshalb musste ich aus dem normalen „Gesundheitssystem" aussteigen. Nicht authentisch zu leben, nicht seine Wahrheit zu sprechen und zu vertreten ist einer der wichtigsten Krankheitsursachen und dessen bin ich mir sehr bewusst.

War mein Weg im Jahr 2025 gemütlich? Auf keinen Fall! War er trotzdem alternativlos? Auf jeden Fall!

Die Einladung

Ich lade Sie ein, sich eine Frage zu stellen. Eine einzige:

Was wissen Sie eigentlich längst?

Sie wissen, dass Sie zu wenig schlafen. Sie wissen, dass der Job Sie kaputt macht. Sie wissen, dass Sie sich falsch ernähren. Sie wissen, dass Sie zu viel trinken, zu wenig bewegen, zu selten Nein sagen. Sie wissen, dass diese Beziehung Sie kostet. Sie wissen, dass Sie so nicht weitermachen können.

Sie wissen es.

Die Frage ist nicht, ob Sie es wissen. Die Frage ist: Wann handeln Sie danach?

Kein Arzt kann Ihnen diese Entscheidung abnehmen. Kein Medikament kann sie ersetzen. Keine Therapie kann sie umgehen.

Warum ich das sage

Ich sage das nicht, um Sie zu beschämen. Ich sage es, weil ich Sie ernst nehme.

Ich glaube an Ihre Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Ich weiß, dass Sie mehr Einfluss auf Ihre Gesundheit haben, als Ihnen vielleicht bewusst ist. Und ich glaube, dass ehrliche Worte hilfreicher sind als falsche Hoffnungen.

Die moderne Medizin hat uns beigebracht, passiv zu sein. Zu warten, bis jemand uns heilt. Zu delegieren statt zu handeln. Das funktioniert nicht. Nicht bei chronischen Erkrankungen. Nicht langfristig.

Was funktioniert: Verstehen, dass Gesundheit kein Zustand ist, den jemand anderes für Sie herstellt – sondern eine Praxis, die Sie selbst leben. Jeden Tag. Mit jeder Entscheidung.

Zurück zum Fluss

Erinnern Sie sich an den Arzt am Flussufer? Der die Ertrinkenden rettet, einen nach dem anderen?

Die eigentliche Frage ist nicht, wer die Menschen ins Wasser wirft. Die eigentliche Frage ist: Warum springen diese Menschen selbst hinein?

Und die Antwort liegt nicht flussaufwärts. Sie liegt in jedem Einzelnen. In den Entscheidungen, die wir treffen. In dem Leben, das wir führen. In der Verantwortung, die wir übernehmen – oder nicht.

Ich kann Sie begleiten. Ich kann Ihnen helfen zu verstehen. Ich kann an Ihrer Seite sein.

Aber gehen müssen Sie selbst.


Herzlich,
Ihr Dr. Andreas Pullig

Wichtiger Hinweis:

Dieser Text spricht von chronischen Erkrankungen, die durch Lebensstil und Verhalten entstehen oder beeinflusst werden. Es gibt jedoch auch angeborene Erkrankungen und genetische Dispositionen, bei denen die Ursachen nicht in Ihren Entscheidungen liegen. Von diesen ist hier nicht die Rede.

Aber auch bei angeborenen oder genetisch bedingten Erkrankungen gibt es oft Spielraum im Umgang damit. Die Art, wie wir mit einer Erkrankung leben, welche Unterstützung wir suchen und welche Ressourcen wir nutzen, kann einen erheblichen Unterschied machen – auch wenn wir die Ursache selbst nicht beeinflussen können.

Wichtig: Bei akuten Symptomen – ob Brustschmerzen, plötzliche Atemnot, starke Schmerzen, Verdacht auf Schlaganfall, sonstigen Beschwerden oder bei Unsicherheiten – kontaktieren Sie bitte sofort den Notdienst oder einen Arzt.

Eigenverantwortung bedeutet nicht, alles alleine zu machen. Sie bedeutet, die richtigen Entscheidungen zu treffen – und dazu gehört auch die Entscheidung, professionelle Hilfe anzunehmen, wenn sie gebraucht wird.

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und Wissensvermittlung. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch ein individuelles Arzt-Patienten-Gespräch. Individuelle gesundheitliche Entscheidungen sollten stets in Absprache mit einem qualifizierten Arzt getroffen werden.
Wir erheben keinen Anspruch darauf, alles zu wissen oder die einzige richtige Perspektive zu vertreten. Wir haben zusammengetragen, was uns möglich war — mit dem Ziel, eine informierte eigene Entscheidung so gut wie möglich zu erleichtern. Die Forschung entwickelt sich weiter. Wer neuere Studien kennt oder andere gut begründete Informationen hat, ist herzlich eingeladen, diese einzubringen — wir freuen uns über den Austausch und danken Ihnen, wenn er respektvoll bleibt.

Neue Artikel direkt per E-Mail

Wenn Sie unsere Impulse zu funktioneller und ganzheitlicher Medizin in Ihrem Postfach lesen möchten, tragen Sie sich gerne ein. Keine Werbung, keine Weitergabe an Dritte. Abmeldung jederzeit möglich.